| Heike Finke | ||
| Ruth Streit-Stifano Esposito |
Mit großem Interesse
habe ich das Buch "Schutzbär Bulli" gelesen. Tims Ängste und Schuldgefühle werden einfühlsam und nachvollziehbar beschrieben. In klarer und verständlicher Sprache wird vermittelt, was für Tim mit seinen kindhaften Erfahrungen zunächst unvorstellbar ist, dass Erwachsene ihm glauben und bereit sind, ihm zu helfen. Wie in dem Buch Tims Weg bis zur Verurteilung des Täters beschrieben wird, trägt sicherlich dazu bei, unsere Arbeit im strafrechtlichen Bereich für die Opfer transparenter zu machen und die Möglichkeiten aber auch die Grenzen des Strafrechts und der Justiz aufzuzeigen. Es ist sehr begrüßenswert, dass die Autoren des Buches und die Initiatoren des Vereins gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V. nicht nur auf die fachliche Hilfe der so notwendigen Betreuer, Therapeuten und der Familie des Opfers bauen, sondern auch auf die Notwendigkeit der Bestrafung des Täters hinweisen mit dem hierzu notwendigen Vertrauen in die staatlichen Organe. Nicht immer ist dieses Vertrauen gerechtfertigt, aber es ist wichtig, nicht damit aufzuhören, dies zu fördern und zu fordern. Denn ohne die Garantie, dass Opfer von Gewalttaten in einem Staat, der sich für human und fortschrittlich hält, Schutz von der Gesellschaft und vom Staat erfahren, sind diese Attribute Leerformeln. Kinder müssen sich auf diesen Schutz verlassen dürfen. Dieses Buch eignet sich ganz besonders, dies zu vermitteln. Vielleicht bedarf Tims Geschichte dennoch der ein oder anderen Ergänzung, auch wenn die Autoren darauf hingewiesen haben, dass manches zurecht verkürzt oder idealisiert dargestellt wird. Hierzu gehört aus meiner Sicht die wohl schwerste Hürde, die Kinder nehmen müssen, wenn der sexuelle Missbrauch innerhalb der eigenen Familie geschieht und die Abkehr engster Bezugspersonen aus häufig sehr egoistischen Gründen erfolgt. Ich bin mir bewusst, dass ein möglicher Hinweis auf solche Reaktionen bereits viele Kinder und Jugendliche davon abhalten würde, sich jemandem anzuvertrauen. Vielleicht sollten sie aber, trotz gutem Verlauf auch "Umwege", die die Erwachsenen benötigen, kennen lernen und sich hierauf einstellen können. Die Darstellung des Ermittlungsverfahrens und der sich anschließenden Hauptverhandlung hat mir sehr gut gefallen - ebenso die Erklärungen, warum Tim so oft und so eingehend aussagen musste. Tim wurde hier nicht "belogen" oder mit falschen Vorstellungen konfrontiert.
Häufig wird aber das Opfer auch in Anwesenheit aller Prozessbeteiligter und des Angeklagten vernommen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Viele Gerichte können oder wollen sich nicht auf die Videotechnik einstellen. Aber auch für manche Kinder und Jugendliche ist das Gespräch mit dem Vorsitzenden Richter über Bildschirm eher befremdend als der direkte Kontakt mit einem zwar die Neutralität wahrenden, aber menschlichen Richter. Zu einer guten Vorbereitung auf den Prozess gehört deshalb meines Erachtens, dass eine "Konfrontation" mit dem Angeklagten für das Opfer nichts mehr mit der früheren Rollenverteilung zwischen Opfer und Täter zu tun hat. Das Opfer kann bei richtiger Vermittlung und Einstellung auf den Prozess seine bisher gezeigte Stärke im Verfahren selbst fühlen. Kein Wunder also, wenn viele den Gerichtssaal im Anschluss an die Hauptverhandlung nicht mehr ohnmächtig, sondern stolz und selbstbewusst verlassen. Ruth Streit-Stifano
Esposito |